Predigt mit Bezug zu Dan Brown

Autor: Pfarrer Veit Dinkelaker
Am 13. April 2006
In Offenbach am Main, Schlosskirche Rumpenheim
An Gründonnerstag
Zu 1. Korinther 10, 16-17 (Predigtreihe 4)
Zum Thema „Abendmahl“
mit Bezug auf den Thriller von Dan Brown: „Sakrileg“/ „Da-Vinci-Code“

(Zu Beginn nehme ich den Abendmahlskelch vom Altar und zeige ihn der Gemeinde und predige mit dem Kelch in der Hand. Den Text verlese ich während der Predigt.)
Die Gnade unseres Herrn Jesus und der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde –
Der Kelch Jesu – könnt Ihr Euch erinnern, wann Ihr ihn zum ersten Mal bekommen haben? In welcher Kirche? Nicht genau dieser silberne Kelch. Vielleicht sah er ganz anders aus? Es gibt welche, die kommen dem Becher, den Jesus damals hatte näher – sind aus Ton oder Steingut. Oder es gibt den Einzelkelch, die kleinen Becher mit Wein oder Traubensaft. Habt Ihr Euren ersten Kelch – oder irgendeine besondere Abendmahlsfeier vor Augen?

Mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden, die jetzt schon während der Vorbereitung zur Konfirmation zum Abendmahl gehen dürfen, haben wir versucht, das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern nachzuempfinden. Auf der Burg Rieneck haben wir den schönsten Raum bekommen – er heißt Rittersaal und sieht auch so aus. Eine große Holztafel mit schweren Stühlen steht darin. Es leuchtet ein Holzfeuer in einem großen offenen Kamin. Es brennen Kerzen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben die Tafel schön geschmückt – mit den Platten des Abendessens, Gläsern, Besteck, Tischschmuck. Jedem und jeder werden die Hände gewaschen. Jede und jeder wird an den Platz geführt. Es spielt im Hintergrund Musik. Ein Festessen. Am Anfang wird Brot und Wein geteilt mit den Worten Jesu – wie in der Kirche. Das ist mein Leib, das ist mein Blut. Es wird gebetet.

Und dann wird gegessen. Doch da herrscht eine Regel: Jede und jeder bedient den oder die andere. Keiner nimmt sich selbst. Der Nebenmann oder die Nebenfrau schenkt den Becher ein oder füllt den Teller. Die Botschaft ist klar: Dieses Essen ist anders als andere Essen. Das Teilen geht weiter! Alle lassen es sich schmecken. Jeder ist für den anderen da.

(Ich stelle den Abendmahlskelch wieder an seine Stelle auf den Altar.)

Jedes Abendmahl ist etwas Besonderes. Jeder hat da eigene Bilder vor Augen. Jedem ist auch etwas anderes wichtig. Jeder macht andere Erfahrungen. Eine entscheidende Erfahrung ist aber die der Gemeinschaft – einer besonderen Gemeinschaft. Einer Gemeinschaft, die sich auch von allen anderen Gemeinschaften unterscheidet. So heißt es in dem kurzen Predigtabschnitt für heute:

Der gesegnete Kelch, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi ?(1.Kor 10,16-17)

„Gemeinschaft des Blutes Christi“ – was heißt das? „Blut“ – klingt brutal. Was ist damit gemeint?

Früher konnte man bei Familienfeiern davon sprechen, dass am Tisch eine „Blutsgemeinschaft“ saß: man war miteinander verwandt, blutsverwandt. Es floss gemeinsames Blut in den Adern. Hier bei uns im alten Ortskern träfe es ja fast zu unter den alten Familien – fast alle waren miteinander verwandt. In fast allen Adern fließt ein Tropfen gleiches Blut. Die weite Familie wäre zu groß, um sich irgendwo zu treffen und an einen Tisch zu setzen – hier in der Kirche gelänge es am besten. – Aber das kann doch hier die Gemeinschaft nicht bedeuten. Wir sind nicht im engeren Sinne miteinander verwandt – oder doch? Gemeinschaft des Blutes Christi – heißt das, wir sind Eine Familie? Es ist klar: die „Gemeinschaft des Blutes“ der Bibel ist noch weiter gedacht. Es geht nicht einfach um eine familiäre Blutsverwandtschaft mit gleichen leiblichen Vorfahren.

Die „Gemeinschaft des Blutes Christi“ ist eben mehr als die leibliche Verwandtschaft. Zum Glück? Das galt jedenfalls für das Feierabendmahl der Konfirmandinnen und Konfirmanden auf der Pfadfinderburg: ein Festessen mit Hinz und Kunz, mit Freund und Feind, mit solchen, die wir mögen und solchen, die nicht so unsere Wellenlänge sind. Das besondere, die große Herausforderung des Christentums ist eben das, dass es nicht nur um Blutsverwandtschaft geht, sondern viel mehr! Eine weltweite Familie. Wie ist das zu verstehen?

Vielleicht reden wir viel zu selten über die „Gemeinschaft des Blutes Christi“. Das merke ich immer daran, welche abenteuerliche Thesen zum Teil in Büchern über dieses „Geheimnis des Glaubens“ verbreitet werden. Ich gebe zu, das Abendmahl ist wohl so faszinierend, dass es reizt darüber zu spekulieren.

Da verselbständigt zum Beispiel sich der „Kelch“ und wird zu einem Mysterium. Da entwickeln sich Sagen und Legenden um das „Blut Christi“. Zum Beispiel die Sage vom „Heiligen Gral“ aus dem Mittelalter. Darin ist nicht mehr die Gemeinschaft der Christenheit entscheidend, sondern die Suche eines einzelnen Ritters nach einem Gegenstand – dem heiligen Kelch oder nach sonst einem Geheimnis um das Blut Christi. Es ist ja auch faszinierend darüber nachzudenken: wo ist der echte Kelch, der echte Becher, aus dem damals Christus getrunken hat? Da gibt es die Legende, dass einer diesen Becher mit ans Kreuz genommen hat und tatsächlich das Blut Christi darin aufgefangen hat. Aber dann ist er schnell damit abgereist nach Spanien und England oder war es doch Äthiopien? Und seitdem sind wir auf der Suche.

Dabei geht es doch gar nicht um einen Gegenstand! – sondern um die Gemeinschaft, die Jesus gestiftet hat, über Familienverhältnisse hinaus. Die Gemeinschaft im Abendmahl. Das ist das Revolutionäre, das das Christentum auch für den römischen Staat so gefährlich gemacht hat: da ist eine Gemeinschaft entstanden, die NICHT auf Familien- und Volkszugehörigkeit geachtet hat. Die NICHT unterschieden hat zwischen Jude und Heide, Römer und Grieche, Sklave und Freier, Mann und Frau, Schwarz und Weiß. Am Tisch Gottes sind nicht nur alle gleich – weltweit, sondern sie gehören alle zusammen! Eine Familie! Durch eine ganz andere Art von „Blutsverwandtschaft“ – die „Gemeinschaft des Blutes Christi“.

Das war damals das Sakrileg der Christinnen und Christen, dass sie alle bisherigen Verhältnisse gesprengt haben! Für sie war das „Blut Christi“ ein Code, ein Geheimschlüssel zum Verständnis für die Welt: wir gehören zusammen, wir gehören zu Gott, wir werden alle schuldig aneinander und vor Gott – doch durch Kreuz und Auferstehung Jesu Christi sind wir frei, gerechtfertigt, sind uns Gottes Liebe gewiss. Und diese Gemeinschaft des Blutes Christi kann uns niemand nehmen! Und wir können diese Liebe weitergeben. Das war subversiv. Auch gerade dadurch, dass da das Kreuz und Tod im Mittelpunkt stand. Dass Christinnen und Christen sich für ihren Glauben haben verfolgen lassen, weil sie sich nicht in die alte Gemeinschaft zurückzwingen lassen wollten. Lieber sind sie gestorben.

Jesus Christus hätte nicht die Bedeutung, die er für viele Milliarden Menschen heute hat, wenn er Kriege geführt hätte, wenn er als Regierungschef ein Volk geführt hätte, wenn er in einem Palast auf einem Thron gesessen hätte. Seine Bedeutung ist nicht daran geknüpft, ob er Länder erorbert, eine Dynastie gründet, Reichtum anhäuft. Seine Bedeutung liegt darin, dass er als Sohn Gottes von Menschen ans Kreuz genagelt wurde und starb, als Mensch. Dass Gott nicht dabei stehen blieb und Jesus zum Zeichen dafür gemacht hat, dass der Tod und das Blutvergießen nicht der letzte Schluss sind – sondern Auferstehung und Leben.

Dadurch ist die „Gemeinschaft des Blutes Christi“ gestiftet. Das heißt: Gott hält zu uns in Leben und Tod. Das heißt: Dir ist vergeben. Du kannst Schuld bekennen. Du wirst Deine Schuld los, bei Gott. Ja, Du kannst selbst anderen ihre Schuld abnehmen, indem Du verzeihst. Du bist frei. Und da spielt die Herkunft und die Volkszugehörigkeit und die Hautfarbe keine Rolle.

Bald wird es wieder einen Kinofilm („Da-Vinci-Code“) geben, in dem wird es um das Blut Christi gehen, die Verfilmung eines Bestsellers. Viele, sehr viele Menschen haben sich bei diesem Buch (von Dan Brown mit dem Titel „Sakrileg“) davon faszinieren lassen, wieder über die Legende vom Gral nachzudenken und was das bedeutet, das „Blut Christi“. Das Buch selbst gefällt sich darin, der Kirche den Vorwurf zu machen, sie würde ein ungelüftetes Geheimnis, wie einen Schatz hüten. Zum Beispiel: Hatte Jesus eine Frau? Hatte Jesus Kinder? – solche Fragen sind ebenso interessant wie uralt. Jesus selbst war die Frage nach Familienzugehörigkeit nicht wichtig. Er sagt sogar gegenüber seine Mutter und seinen Geschwistern von denen, die um ihn herum saßen und ihm zuhörten: Das sind meine Schwestern und Brüder (Mk 3,33-35). Blutsverwandtschaft ist nebensächlich bzw. bekommt bei ihm eine andere Bedeutung. Das ist revolutionär! Noch mal: Die „Gemeinschaft des Blutes Christi“ ist keine Frage der Familienzugehörigkeit.

Ich will nicht verschweigen, dass der Roman (von Dan Brown) großen Spaß daran hat, das Zentrum des christlichen Glaubens in Frage zu stellen: das Kreuz. Da wird’s für mich kritisch. Dieser Gedanke, dass Jesus gar nicht wirklich gestorben ist, ist so alt wie das Christentum selbst. Von Anfang an wusste die Welt, dass in dem Tod am Kreuz die Sprengkraft des christlichen Glaubens liegt. Nach der Bibel Gott ist für die Gläubigen, für alle Menschen in den Tod gegangen – und wieder heraus. Das ist so ein starkes Bild, das alles Bisherige über den Haufen wirft.

Immer wieder neu wurde versucht, den Christen das zu nehmen: Jesus ist gar nicht gestorben, er hat nur so getan; oder: man hat einen Falschen gekreuzigt. Er war es gar nicht. Er war längst auf einer Reise nach Indien oder sonst wo ins Warme. Der Islam will den Menschen bis heute ausreden, dass Jesus wirklich gekreuzigt wurde und schlägt uns vor: Jesus ist nie gestorben, Gott hat ihn gleich zu sich in den Himmel genommen. Dann hätten wir nichts miteinander zu tun – und nichts mit Gott.

Doch Christinnen und Christen geben öffentlich bekannt: Jesus ist gekreuzigt und begraben worden und hat den Tod überwunden. Wir stehen am „Tisch des Herrn“ und bezeugen Kreuz und Auferstehung bis er wieder kommt in Ewigkeit. Wir haben Gemeinschaft mit ihm. Tod und Auferstehung Jesu ist der Grund, über Familien- und Volksgrenzen hinweg zu teilen. Die Kirche hütet kein Geheimnis – sie gibt es bekannt, jede Woche, öffentlich, jeder kann es hören. Es lautet:

Ihr alle seid Blutsverwandte Jesu. Ihr alle seid Gottes Kinder. Ihr alle seid frei. Von Schuld befreit. Das hat Gottes Sohn für uns erledigt, ein für alle mal, am Kreuz. Es soll kein Blut mehr vergossen werden, nein, nur noch Wein! Wein statt Blut. „Alle Menschen werden Brüder“. Die Unterschiede sind aufgehoben. Du willst das Geheimnis Gottes entdecken? Komm mit an den Tisch, die große Tafel in die „Gemeinschaft des Blutes Christi“. Du gehörst dazu.

Der gesegnete Kelch, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi ?(1.Kor 10,16-17)

Ja, so ist es. – Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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